Wie viel Selbstliebe erträgt eine Gesellschaft?

Wie viel Selbstliebe erträgt eine Gesellschaft?

Wie viel Selbstliebe erträgt eine Gesellschaft?

Bedeutung und Bedeutsamkeit von Narzissmus – ein Essay von Susanne Langtim

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, erklärt Jesus in der Bibel als das Wichtigste im Leben. Im 21. Jahrhundert rückt die Nächstenliebe allerdings immer weiter in den Hintergrund.

Während der Soziologe Christoper Lasch bereits 1980 vom Zeitalter des Narzissmus spricht, ist spätestens seit Anbruch des neuen Jahrtausends der Begriff „Narzissmus“ in inflationärer Weise gebräuchlich. Die Liebe zu sich selbst ohne Blick auf die Vergangenheit oder Wirken für die Zukunft prägt die Gesellschaft in westlichen Industrienationen.

Einfluss der Medien, digitale Revolution und Erziehungsstil

Die Psychologin Jean Twenge sieht neben dem Kapitalismus, den Einfluss und die Veränderung der Medien, die digitale Revolution und den Erziehungsstil als ursächlich an. Die narzisstische Selbstbezogenheit zeichnet längst nicht mehr nur die Menschen aus, die sich beruflich im Rampenlicht bewegen.

Mit modernen Mobiltelefonen ausgestattet, werden die Digital Natives mit Selbstdarstellung groß, machen Fotos von sich und präsentieren sich und ihr Leben in sozialen Netzwerken. Die Entwicklung des Narzissmus und die Relevanz für die Gesellschaft stehen im Mittelpunkt dieses Essays.

Narzissmus als Persönlichkeitsmerkmal oder Persönlichkeitsstörung

Der Begriff Narzissmus entspringt der griechischen Mythologie. Die Rachegöttin Nemesis bestrafte den selbstbezogenen Narcissus mit einem derart hohen Maß an Selbstliebe, dass er sich in sein Spiegelbild im Wasser verliebte und bei dem Versuch, ihm nahe zu sein, ertrank.

Die als Narzissmus bezeichnete Selbstliebe und Selbstbewunderung eines Menschen tritt in verschiedenen Abstufungen auf und reicht von Narzissmus als Persönlichkeitsmerkmal bis zu einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Im „Diagnostischen und statistischen Handbuch psychischer Störungen“ (DSM) wird die narzisstische Persönlichkeitsstörung dem Cluster B zugeordnet, das Persönlichkeitsstörungen mit „dramatischem, emotionalem und launenhaften Verhalten“ zusammenfasst.

Demnach haben Menschen, bei denen Narzissmus als Persönlichkeitsstörung vorliegt, ein grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit, ein erhöhtes Anspruchsdenken, haben Macht- und Erfolgsphantasien, idealisieren die Liebe und Schönheit, verhalten sich ausbeuterisch und arrogant. Ihnen mangelt es an Empathie, sie fühlen sich nur zu anderen „besonderen“ Menschen hingezogen und von denen verstanden, sie sind neidisch auf andere und überzeugt, dass andere neidisch auf sie sind.

Diese extrem ausgeprägten Merkmale sind als Abweichungen von der Norm zu bewerten und betreffen die Bereiche Kognition, Affektivität und zwischenmenschliche Beziehungen. Allerdings gibt es „[…] kein allgemein akzeptiertes wissenschaftlich befriedigendes Modell einer Definition des Narzissmus-Begriffs“ (Altmeyer, 1998, p. 65). Bedeutungsvoll im Hinblick auf die Relevanz für die Gesellschaft ist die Abgrenzung zwischen gesundem und pathologischem Narzissmus.

Zeitalter des Narzissmus

Schon vor knapp 40 Jahren bezeichnete der Soziologe und Kulturkritiker Christopher Lasch (1980) die Postmoderne als Zeitalter des Narzissmus. In seinem gleichnamigen Buch kritisiert er die Egomanie und den Ich-Kult, dem narzisstische Menschen verfallen sind, und warnt davor, nur „Für den Augenblick, für sich selbst zu leben und nicht für Vorfahren oder Nachwelt […].

Das Gefühl einer historischen Kontinuität, das Wissen, in einer Folge von Generationen zu stehen, die aus der Vergangenheit kommen und in die Zukunft weiterführen – das geht immer mehr verloren“ (p. 21).

Der Originaltitel „The Culture of Narcissim. American Life is an age of diminishing expectations“ macht deutlich, dass sich Lasch auf die amerikanische Gesellschaft bezieht. Er versucht Ursachen für deren wachsende Verrohung zu erkennen, Zusammenhänge herzustellen und Hintergründe zu erläutern.

Zwei amerikanische Studien aus dem Jahr 2008 bestätigen Laschs visionäre Analyse. Die Ausprägung des Narzissmus zwischen 1979 und 2006 unter Studierenden in den USA hat demzufolge erheblich zugenommen. Bei Standardmessungen erhalten die jüngeren Jahrgänge kontinuierlich höhere Durchschnittswerte. Gemessen wurden diese Werte mit dem Narcissistic Personality Inventory (NPI), einem Fragebogen mit 40 Aussagepaaren, wobei jede Aussage sozial akzeptabel ist.

Die Sozialpsychologen Robert Raskin und Calvin Hall entwickelten diese Datenerhebungsmethode, um subklinischen Narzissmus, bei „normalen“, „gesunden“ Menschen zu messen. Die amerikanische Psychologin Jean Twenge hat es sich zu Nutze gemacht, dass seit 1979 viele Psychologen den NPI mit College-Studenten durchgeführt haben.

Twenge (2008) hat die Daten aus 16.475 Fragebögen analysiert und post hoc eine Langzeitstudie entwickelt. Sie beziffert den Anstieg der Narzissmus-Werte auf 30 Prozent und postuliert, dass 1985 schätzungsweise jeder siebte Studierende erhöhte Werte vorzuweisen hatte, inzwischen aber jeder vierte davon betroffen sei.

Ichinflation

Dieser deutliche Anstieg wird von Hans-Werner Bierhoff und von Michael Jürgen Herner (2009) mit einer Epidemie verglichen; die beiden deutschen Psychologen bezeichnen diese Entwicklung als „Ichinflation“ (p. 15). Dass die Selbstverliebtheit nicht nur in den USA zu finden ist, sondern auch andernorts, liegt auf der Hand.

„Junge Menschen in modernen Industrienationen werden seit einigen Jahrzehnten im Sinne narzisstischer Selbstbezogenheit sozialisiert“ (Heise Medien, 2012). Elmar Brähler (1990) fokussiert sich auf Deutschland und beantwortet die Frage, „Wie haben sich die Deutschen seit 1975 psychologisch verändert?“ mit: „Mehr Individualismus, mehr Ellenbogen, stärkere Frauen“.

Gemeinsam mit Hans-Jürgen Wirth veröffentlicht der ehemalige Professor für medizinische Psychologie und medizinische Soziologie an der Universität in Leipzig 1991 außerdem ein Essay unter dem Titel „Abwendung von sozialen Orientierungen: Auf dem Weg in einen modernisierten Sozialdarwinismus?“.

In einigen Bereichen der modernen Welt blüht der Narzissmus besonders: im Showbusiness, in der Filmindustrie, in der Modewelt, im Leistungssport und in der Welt des Theaters (Volkan & Ast, 1994) findet sich ein guter Nährboden für die Selbstinszenierung. Ebenso sind Narzissmus und Macht in den Bereichen Wirtschaft und Politik miteinander verflochten (Wirth, 2002).

Ein verzweifelter Versuch nach sozialer Resonanz

In „Die exzentrische Psyche. Zur zeitgenössischen Neigung des Seelenlebens, aus sich herauszugehen und zu zeigen, was in ihm steckt“ stellt Martin Altmeyer (2013) einen Zusammenhang zwischen der reflexiven Moderne und der Modernisierung der Psyche her. „In den zeitgenössischen Formen seelischer Entäußerung bildet sich in der Tat ein neuer Sozialcharakter heraus, der sich durch eine verzweifelte Suche nach sozialer Resonanz auszeichnet […]“ (Altmeyer, 2013).

Was ist in der heutigen Zeit ursächlich für die Fokussierung auf die eigene Person? Vor knapp 40 Jahren machte Christopher Lasch (1980) die politischen Turbulenzen in den USA für den Rückzug auf die persönlichen Neigungen verantwortlich. „Die politische Krise des Kapitalismus spiegelt eine allgemeine Krise der westlichen Kultur wider, sie zeigt sich in der Verzweiflung an der Aufgabe, den Lauf der modernen Geschichte zu verstehen oder ihn rational zu steuern“ (p. 11).

Die Ansichten von Lasch sind geprägt von einer Resignation, die sich nicht nur auf die Politik erstrecken, sondern auch auf zwischenmenschliche Beziehungen, den Sport und die Unterhaltungsindustrie, das Bildungswesen, die Elternerziehung und die Abkehr von der Generativität.

Was der amerikanische Historiker und Sozialkritiker aber nicht ahnen konnte, waren die Folgen der digitalen Revolution. Das Internet stellt nicht nur den Raum für die Entwicklung von Narzissmus zur Verfügung, es potenziert auch die Häufigkeitszunahme dieses Persönlichkeitsmerkmals.

In der Studie „Sensationssuchende Narzissten, Extraversion und Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken im Web 2.0“ haben Julia Brailovskaia und Hans-Werner Bierhoff (2012) den Zusammenhang von den Persönlichkeitsmerkmalen offener und verdeckter Narzissmus, Sensation Seeking sowie Extraversion und der Selbstdarstellung auf der sozialen Netzwerkseite www.studiVZ.net untersucht.

Die zwei Narzissmusformen unterscheiden sich durch die Dimension „Grandiosität-Exhibitonismus“ des offenen Narzissmus’ und „Vulnerabilität Sensitivität“ des verdeckten Narzissmus’. Obwohl verdeckte Narzissten in der realen Welt durch sozialen Rückzug gekennzeichnet sind (Dickinson & Pincus, 2003), weisen auch sie eine hohe virtuelle Aktivität vor.

Die Ergebnisse belegen, dass „[…] höhere Ausprägungen der untersuchten Persönlichkeitsmerkmale mit einer höheren Selbstdarstellung in Bild und Text sowie virtuellen Interaktion einhergingen“ (Brailovskaia & Bierhoff, 2012). Interessanterweise nutzen die Mitglieder aber eher selten die Gelegenheit zum Experimentieren mit der eigenen Persönlichkeit, obwohl der Grad der Anonymität der virtuellen Welt den Raum dafür bietet. Stattdessen präferieren sie eine authentische Präsentation der eigenen Person (Back et al., 2010; Machilek, Schütz & Marcus, 2004; Vazire & Gosling, 2004).

Ob das Web 2.0 schuld an den narzisstischen Tendenzen seiner Nutzer ist, kann empirisch nicht belegt werden. Allerdings nimmt Twenge an, „dass die sozialen Netzwerke die narzisstischen Züge ihrer Mitglieder nicht nur zum Vorschein bringen, sondern auch verstärken. Dies betrifft vor allem die jüngere Generation, die zur Hauptnutzergruppe der sozialen Plattformen gehört“ (Twenge & Campell, 2009).

Die digitale Revolution bietet Narzissten eine ideale Möglichkeit, sich selbst in Szene zu setzen. Aber auch die Entwicklung der Medien in den vergangenen Jahrzehnten kann als Ursache für die Häufigkeitszunahme narzisstischer Phänomene angenommen werden.

Neben der BoulevardPresse, die Einblick in das Leben der Stars und Sternchen gewährt, suggerieren Werbung, Fernsehen und Filme den hohen Stellenwert von Schönheit, Einfluss, Macht und Prominenz. Die Casting- und Realityshows, mit denen Privatsender ein Millionenpublikum vor dem Bildschirm fesseln, bieten Menschen ohne jeglichen Bekanntheitsgrad eine Plattform, sich selbst zu vermarkten.

In exhibitionistischer Weise gewähren die Teilnehmer Fernsehteams und somit einer unkalkulierbar großen Zuschauerzahl einen Einblick in ihr Privatleben, messen sich bei Gesangswettbewerben, kämpfen um Gewichtsreduktion, unterziehen ihr Zuhause oder gar sich selbst einer Komplett-Sanierung und lassen sich im Kreißsaal unter der Geburt filmen.

In interaktiven Formaten wie Big Brother und Dschungelcamp darf das Fernsehpublikum durch Telefonabstimmung sogar mitentscheiden, welcher Teilnehmer das Haus oder das Camp verlassen muss und diejenigen, die zuerst gehen, müssen mit dem Gefühl, der Konkurrenz unterlegen zu sein, fertig werden. Wie es hinter den Kulissen solcher Fernsehshows zugeht, wissen größtenteils weder die Zuschauer noch die Teilnehmer zu Drehbeginn.

In einer Studie des Internationalen Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) gemeinsam mit der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) wurde untersucht, wie sich die Teilnahme an einer Castingshow langfristig auf die Psyche Jugendlicher auswirkt.

Als Nebenprodukt dieser Studie wurde deutlich, dass den meisten Teilnehmern und Konsumenten der Inszenierungsgrad von Castingshows offenbar kaum bewusst ist. „Ein Großteil der jugendlichen CastingshowZuschauer, immerhin achtzig Prozent der Mädchen und sechzig Prozent aller Jungen, glaubt laut Maya Götz, der Leiterin des IZI, dem dokumentarischen Gestus der Sendungen.“ (Freidel, 2013).

Viele der Teilnehmer leiden unter der sehr speziellen Art des menschlichen Umgangs hinter den Kulissen. Ihre persönlichen Vorstellungen von Ehrlichkeit und kommunikativem Umgang werden ins Wanken gebracht. Zudem überfordert der eigene Perfektionismus und der daraus resultierende Anspruch an einer herausragenden Performanz viele der jungen Menschen.

„Heimliche Komplizinnen und Komplizen“, Freaks, Ohnmächtige

Schon während der sich über Monate hinziehenden Produktion leiden sie an Angstzuständen, Schlaflosigkeit und Essstörungen. Bei den Ergebnissen der Studie konnte zwischen drei recht verschiedenen Kandidaten-Typen unterschieden werden. „Zum einen gibt es die „heimlichen Komplizinnen und Komplizen“ des Mediensystems.

Diese Kandidatinnen und Kandidaten arbeiteten bewusst und gezielt an ihrer übertriebenen Stilisierung mit. Es waren professionelle Selbstinszenierungsmuster, bei denen mit dem Anderssein und Unterlaufen der sonstigen Leistungsmaßstäbe gespielt wurde. Diese heimlichen Komplizinnen und Komplizen hatten bei den Dreharbeiten Spaß, fühlten sich handlungsmächtig und genossen den professionellen Zusammenschnitt ihrer Aufnahmen im Fernsehen.

Überrascht waren sie jedoch manchmal vom großen öffentlichen Aufsehen nach der Ausstrahlung. Andere, die als „Freaks“ inszeniert wurden, blendeten die Abwertung aus und deuteten die Beschämung für sich um. Im Nachklang der Ausstrahlung genossen sie die öffentliche Aufmerksamkeit rund um ihre Person, freuten sich, wenn sie auf der Straße angesprochen und um Autogramme oder Fotos gebeten wurden.

Gerade in Lebensumbruchsphasen (Arbeitslosigkeit, neue Orientierungsphase) und für Menschen, die bisher wenig Anerkennung erfahren hatten, war die kurzzeitige Prominenz etwas durchaus Angenehmes.“ (Maya Götz, 2013).

Eine dritte Gruppe empfand die Konnotation ihrer Person als negativ. „Sie fühlten sich falsch dargestellt und dem Mediensystem gegenüber machtlos. Kehrten sie in ihr normales soziales Umfeld zurück, mussten sie von da an mit dem Bild, das von der Öffentlichkeit als echt und dokumentarisch eingeschätzt wurde, leben.“ (Maya Götz, 2013).

Eine ehemalige Kandidatin der Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) gibt bei der Befragung an, „Ich war damals erst 16 Jahre alt und konnte damit nicht umgehen, bekam später Depressionen und bekomme bis heute mein Leben nicht in den Griff.“

Vorreiter der Psychoanalytiker Sigmund Freud

Lange bevor Bindungsstile und Erziehungsfragen ein derart populäres Thema waren, befasste sich der Psychoanalytiker Sigmund Freud (1914) mit der Bedeutung und den Auswirkungen der frühkindlichen Erfahrungen. Bei der Formulierung seiner Narzissmustheorie steht die frühe seelische Entwicklung des Kindes im Mittelpunkt.

Freud führt das Entwicklungsstadium eines primären Narzissmus ein und stellt den Zusammenhang zwischen Narzissmus und Selbstwertgefühl dar. Im primären Narzissmus ist nach Freud der körperlich-seelische Zustand durch absolute Vollkommenheit und Umweltharmonie gekennzeichnet, wobei die Mutter-KindEinheit das narzisstische Gleichgewicht garantiert (p. 154-170).

„Die notwendig sich einstellenden Erschütterungen dieses Gleichgewichts (z. B. ist die Mutter nicht ständig verfügbar, oder der Reifungsdruck verstärkt sich) versucht das Kind durch den Aufbau narzisstischer Strukturen zu kompensieren, die das Erlebnis vollkommener Zufriedenheit von Bedingungen der Realität unabhängig machen sollen: diese inneren Strukturen sind jetzt Träger der Allmacht, Vollkommenheit und Harmonie, die vorher an die Existenz äußerer Objekte gebunden waren“ (Altmeyer, 1998, p. 149).

Misslingt der Prozess der Verinnerlichung und bilden sich keine stabilen innerpsychischen Strukturen für ein reiferes Entwicklungsniveau, „entsteht eine Fixierung an die archaischen Strukturen des Narzissmus, eine Entwicklungshemmung und damit die Grundlage einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung“ (Altmeyer,1998, p. 150).

Grundlage u.a. positive Spiegelung einer emphatischen Mutter

Die notwendige Entwicklungsbedingung ab der Geburt betitelt der Psychoanalytiker Heinz Kohut mit der selbsterklärenden Metapher „Glanz im Auge der Mutter“ (Kohut, 1971). Die positive Spiegelung einer empathischen Mutter ist eines von drei grundlegenden Selbstobjekt-Bedürfnissen.

Das Bedürfnis der Spiegelung führt bei Erfüllung zu Selbstwertgefühl, Selbstrespekt und Selbstbehauptung. Für den angemessenen Umgang mit aggressiver und libidinöser Erregung muss als zweites das Bedürfnis nach Idealisierung erfüllt sein und zur Entwicklung von Stolz und Gemeinschaftsgefühl muss als dritter Punkt, durch entsprechende Reaktionen wichtiger Bezugspersonen, das Bedürfnis nach Gleichheit und Zugehörigkeit befriedigt werden. (Kohut, 1973, 1977).

Gesunder und gestörter Narzissmus

Der Psychiater und Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz bezieht sich in seinem Buch „Die narzisstische Gesellschaft“ auf die moderne Theorie von Heinz Kohut und ergänzt diese durch die klare Differenzierung zwischen gesundem und gestörtem Narzissmus.

Gesunder Narzissmus

Der Autor bezeichnet den gesunden Narzissmus als Grundlage für erlebten Selbstwert und gelebtes Selbstvertrauen. Im Ursprung ist diese Selbstliebe abhängig von erfahrener Liebe in Form von Zuwendung, Einfühlung, Bestätigung und Befriedigung individueller Bedürfnisse.

Existenziell ist dabei das empathische Wahrnehmen der Innenwelt des Kindes anstatt durch manipulierende Suggestion dem Kind, die eigenen Vorstellungen und Erwartungen zu vermitteln. Blickkontakt, Mimik, Gestik, Tonfall und Stimmungen haben dabei einen größeren Einfluss auf die Wahrnehmung des Kindes als Worte und Argumente, weil das Kind mehr empfindet als es versteht.

Sind die elterlichen Mitteilungen wenig authentisch, weil diese nicht in der Lage oder nicht willens sind, das Kind empathisch wahrzunehmen und zu verstehen, können narzisstische Defizite die Folge sein. „Die Selbstliebe, Zufriedenheit, Ehrlichkeit und Authenzität der elterlichen Psyche ist die Basis für einen gesunden Narzissmus der Kinder. […].

Das Selbst bildet und entfaltet sich im Spiegel freilassender, liebevoller Bestätigung, akzeptierender und erklärbarer Verschiedenheit und verstehbarer Begrenzung. So erfährt der gesunde Narzisst im Laufe seiner Entwicklung immer besser, wer er wirklich ist, wie er sich von allen anderen unterscheidet, worin er verbunden ist mit anderen und worin er anders ist“ (Maaz, 2012, p. 15 ).

Pathologischer Narzissmus

Dem gegenüber steht der pathologische Narzissmus, der sich in zwei entgegengesetzten Richtungen entfaltet: während das „Größenselbst“ von übermäßiger Selbstliebe gekennzeichnet ist, leidet das „Größenklein“ unter mangelnder Selbstliebe. „Mit dem Selbst ist die unverwechselbare, je einmalige Art des Seins zusammengefasst, in der sich die genetische Matrix, beeinflusst durch die frühen prägenden Beziehungserfahrungen und Umweltfaktoren, spezifisch ausgestattet hat.

Das Selbst wird einem mitgegeben und durch äußere Einflüsse geformt – das Individuum kann sein Selbst nur erfahren, in seinen Möglichkeiten und Grenzen erkennen und auf diesem Wege Verantwortung für die unverwechselbare Art des Daseins übernehmen“ (Maaz, 2012, p. 18).

Maaz bezeichnet das gesunde Selbst als „charakterlos“ und selbst-synton in allen Lebenslagen. Menschen mit gesundem Selbst fühlen sich authentisch und wohl. Im Gegensatz dazu reagieren Menschen mit gestörtem Selbst selbst-dyston, erleben sich als entfremdet, im Stress und sind unzufrieden mit sich und der Welt.

Damit diese Störungen des Selbst möglichst nicht schmerzen, entwickelt es „[…] einen „Charakter“, der helfen soll, die Defizite des Selbst und die vollzogene Entfremdung zu beschützen […]“ (Maaz, 2012, p. 18).

Diese Unzufriedenheit mit sich und der Welt wirkt aber nicht nur für den Einzelnen negativ, sondern für die Gesellschaft als Ganzes. Aus Angst vor emotionaler Abhängigkeit und der für den malignen Narzissmus charakteristischen manipulativen, ausbeuterischen Handhabung persönlicher Beziehungen erwächst ein Gefühl von Leere und Isolation.

„Die Lockerung der sozialen Bindungen, die ihren Ursprung im herrschenden gesellschaftlichen Kriegszustand hat, spiegelt zugleich eine narzißtische Abwehr von Abhängigkeit. Eine kriegerisch-feindselige Gesellschaft neigt dazu, Männer und Frauen hervorzubringen, die im Innersten antisozial sind“ (Lasch, 1980, p. 75).

Wachsender Individualismus und Misstrauen in zwischenmenschliche Beziehungen schaffen eine antisoziale Gesellschaftsform

Der wachsende Individualismus und das Misstrauen in zwischenmenschliche Beziehungen schaffen eine antisoziale Gesellschaftsform. „Jede Gesellschaft reproduziert ihre Kultur – ihre Normen, ihre Grundvoraussetzungen, ihre Art und Weise des Ordnens und Wertens von Erfahrungen – im Individuum, im Medium der Persönlichkeit“ (Lasch, 1980, p. 55).

Betrachtet man die Fernsehwelt, insbesondere das Angebot der Privatsender, und auch die Yellow-Press, so entsteht kein positives Bild von den Wünschen und Bedürfnissen der Gesellschaft im 21. Jahrhundert.

Bedenkt man, dass auch hier, wie allgemein im Kapitalismus die Nachfrage das Angebot bestimmt. Die Veränderungen der Medienwelt beeinflussen ebenso wie die digitale Revolution die Gesellschaft.

Die Vorteile des Internets sind nicht von der Hand zu weisen, diese positive Errungenschaft ist nicht rückgängig zu machen. Da das Internet aber auch Nährboden für Narzissten liefert, ist es umso erfreulicher, dass im Silicon Valley eine Rückkehr zur analogen Welt erkennbar ist. Waldorfschulen boomen dort und es wächst das Bewusstsein für die Bedeutung von schöpferischer Handarbeit (Fuss, 2015).

Um diese Entwicklung zu fördern, sind Eltern gefragt, die mit positivem Beispiel vorangehen, die sich der Verantwortung ihrer erzieherischen Aufgaben bewusst sind und bei denen der Säugling im „Glanz im Auge der Mutter“ und des Vaters die empathische Zuwendung empfinden kann.

Auf dieser Grundlage gedeihen Menschen mit einem gesunden Narzissmus, die durch die Fähigkeit zur Selbstliebe befähigt sind, andere zu lieben und sozial zu agieren. Diese Aufgabe gilt es zu lösen, denn „Über die Familie reproduzieren sich gesellschaftliche Strukturen in der Einzelpersönlichkeit.

Gesellschaftsverhältnisse leben im Individuum weiter und werden tief unterhalb der Bewußtseinsschwelle  gespeichert, wo sie sogar noch überdauern, wenn sie objektiv unerwünscht und überflüssig geworden sind“ (Lasch, 1980, p. 74). Betrachtet man den demographischen Wandel in westlichen Industrienationen, scheint eine Abkehr vom Narzissmus unerlässlich. Denn in der zweiten Lebenshälfte resultieren aus einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung verheerende Folgen.

„In einer Gesellschaft, die Alter und Tod fürchtet, bedroht das Alter Menschen, die Abhängigkeit scheuen und deren Selbstgefühl mit der Bewunderung steht und fällt, wie sie normalerweise der Jugend, der Schönheit, der Berühmtheit oder dem Zauber der Persönlichkeit entgegengebracht wird, mit besonderem Schrecken.

Die gewöhnlichen Lebenshilfen gegen die Verwüstungen des Alters – die Identifizierung mit moralischen oder künstlerischen Werten, die über die unmittelbaren Eigeninteressen hinausgehen, geistige Neugier, die tröstliche emotionale Wärme, die aus glücklichen persönlichen Beziehungen in der Vergangenheit gewonnen wird – können dem Narzissten nichts nützen“ (Lasch, 1980, p. 63-64).

Zur Lösung der siebten Stufe in Erik Eriksons (1966) Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung ist Generativität erforderlich (p 117118). Statt die Augen vor dem Alterungsprozess zu verschließen, den eigenen Tod zu verdrängen und mit allen erdenklichen Mitteln für den Erhalt der eigenen Jugendlichkeit zu kämpfen – wie es charakteristisch für Narzissten ist – ist es Sinn gebend, durch kollektives Denken und Handeln, Fürsorge für Menschen anderer Generationen zu übernehmen und sich des gegenseitigen Angewiesenseins gewahr zu werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Susanne Langtim, Jahrgang 1971, Verlagskauffrau, Redakteurin, Studium der Psychologie an der Universität der Hansestadt Lübeck. Sie verbindet Praxisbezüge mit aktuellen Theorien und Konzepten aus der Forschung.

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